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Auswanderungen zwischen 1680 und 1730
Eine Zusammenfassung
Zwischen etwa 1680 und 1730 kam es zu einer ersten großen Auswanderungswelle aus deutschsprachigen Regionen nach Nordamerika. Push-Faktoren waren vor allem Land- und Geldmangel im Reich – etwa die fortschreitende Erbteilung („Besitzzersplitterung“) und hohe Steuern, verbunden mit schlechten Ernten nach harten Wintern (z.B. Winter 1708/09) und Kriegsverwüstungen (Zweites Pfälzisches Erbfolgekrieg / Spanischer Erbfolgekrieg)[1][2]. Viele Landbewohner lebten in bitterer Armut. Pull-Faktoren waren dagegen das Angebot an Land und wirtschaftlichen Chancen in den Kolonien sowie religiöse Freiheiten. Kolonialgründer wie William Penn werben gezielt Siedler an – Penn versprach seinen Anhängern Religionsfreiheit und großzügige Landzuteilungen (im Werbeblatt etwa „50 Morgen Land, zehn Jahre zinsfrei“[3]). Agenten in Deutschland verteilten Flugschriften und Briefe aus Amerika, die die Versprechen des „Holy Experiment“ propagierten[2][3]. Hinzu kam Kettenmigration: Frühe Auswandererberichte spornten Freunde und Verwandte an, nachzuziehen[4][1].
Die Routinen der Ausreise waren relativ etabliert: Aus Schwaben, der Pfalz oder Württemberg fuhren viele über Flüsse (z.B. Neckar–Rhein) zu niederländischen Häfen wie Rotterdam[5]. Von dort gelangten manche Gruppen über England weiter nach Amerika. Ein Großteil der deutschen Migranten gelangte im 18. Jh. über Philadelphia nach Nordamerika[6]. Die Passage dauerte üblicherweise 2–3 Monate. Familien reisten oft gemeinsam und finanzierten ihre Überfahrt über das Redemptioner-System: Während englische Siedler feste Kontrakte mit dem Schiffseigner abschlossen, schlossen deutsche Einwanderer oft erst nach der Ankunft einen Arbeitsvertrag ab – wer kein Fahrgeld stellen konnte, wurde vor Ort für mehrere Jahre an einen Kolonialbauern verkauft[7].
Die Hauptzielregion war Pennsylvania. Dort gelangte mit Franz Daniel Pastorius 1683 die erste größere deutsche Gruppe nach Germantown bei Philadelphia[8]. Bis zur amerikanischen Unabhängigkeit wanderten schätzungsweise ~100.000 Deutsche in britische Kolonien aus[9][6] (neuere Schätzungen nennen ca. 111.000 bis 1776[6]). Rund zwei Drittel dieser Migranten ließen sich in Pennsylvanien nieder[6]. Daneben gab es kleinere deutsche Gemeinden in New York (u.a. Palatines in Ulster County ab 1710), in Virginia (beginnend mit Germanna um 1714), in den Carolinas (z.B. Graffenried-Kolonie in Neu-Bertram/North Carolina 1710) und in Maryland (Shenandoah Valley). Auch Schweizer und andere deutschsprachige Gruppen zogen dorthin. Nur wenige wanderten direkt in die Karibik aus – deutsche Beteiligung an den europäischen Kolonien dort blieb bis auf wenige Ausnahmen gering.
Siedlungsweise: Deutsche Kolonisten waren überwiegend Landwirte. In Pennsylvania bildeten sich weiträumige, relativ ethnisch homogene Siedlungsgebiete („Deutschland in der neuen Welt“), vor allem westlich von Philadelphia und über die umliegenden Bezirke (York, Cumberland, Northampton, Lehigh, u.a.)[10]. Ihre Dörfer unterschieden sich vom traditionellen deutschen Typ: meist wohnten Bauern einzeln auf ihren Höfen, anstelle enger Bauerndörfer. Sie rodeten dichte Wälder, verbrannten Baumstubben und bauten große viergeteilte Scheunen – die berüchtigten „Pennsylvania Barns“ – die später auch von anderen Siedlergruppen übernommen wurden[11]. In den Städten (Philadelphia, Germantown, Lancaster) lebten oft Händler, Handwerker und Drucker. Zahlreiche Auswanderer waren Weber; in Germantown entwickelte sich schon ab 1683 eine Woll- und Tuchindustrie, die hochwertige Kleidung produzierte[12].
Integration und Beziehungen: Die deutschen Siedler lebten anfangs oft in abgelegenen Gebieten und bildeten sprachliche und konfessionelle Inseln. Sie pflegten ihre deutsche Sprache und protestantische Traditionen. Englisch-Kenntnisse fehlten zunächst vielen. Die Kirchenversorgung war anfangs spärlich – erst mit späterer Zuziehung von Pfarrern (etwa Mühlenberg 1742) verbesserten sich die Verhältnisse. Grundsätzlich verhielten sich die Deutschen überwiegend kooperativ gegenüber anderen Kolonisten, mischten sich aber weniger in politische Konflikte (z.B. waren sie in Pennsylvanien größtenteils Quäker oder Pietisten). Kontakte zu indigenen Völkern waren meist indirekt – viele siedelten auf von Indianern geräumten Flächen, oft über Lancaster / Walking Purchase. Nennenswerte Konflikte oder besondere Bündnisse mit Indianern sind aus dieser Zeit kaum dokumentiert.
Rechtsstatus und Grundbesitz: Deutsche Siedler kamen als freie Untertanen (Royal Subject) in die Kolonien und erhielten in der Regel Freihandbesitz (freehold), oft zunächst als Lehen (Warranty Deed) von Kolonialgesetzen garantiert. Viele Kolonien boten sogenannte Headrights oder Landzuteilungen pro Familie. So versprach ein Werbeschreiben für Nova Scotia jedem Siedler 50 Morgen Land, zehn Jahre lang steuerfrei[3]. In Pennsylvania erhielten Kolonisten oftmals großzügige Parzellen gegen geringe Abgaben. Der Landkauf erfolgte schriftlich oft über Verträge (Indenture). Das Redemptioner-System führte dazu, dass ein Teil der Einwanderer ihren Schiffsfrachtpreis durch mehrjährige Dienstverträge abtrug[7].
Demografische Auswirkungen: Die deutsche Einwanderung prägte das Bevölkerungsbild der Kolonien entscheidend. Bis 1776 betrug ihr Anteil in Pennsylvania geschätzt über die Hälfte, in einigen Landesteilen sogar noch mehr[6]. Exakte Zahlen sind unsicher: Neben Marianne Wokecks 111.000 (bis zur Unabhängigkeit) sind in der Forschung ähnliche Größenordnungen um 100.000 genannt[6][9]. Schon die 1709–1710er Pfalzaktion mit über 10.000 Ankömmlingen in England war eine demografische Großwelle[2][13]. Die Herkunftsländer in Deutschland – vor allem Südwestdeutschland und angrenzende Regionen (Württemberg, Kurpfalz, Baden, Hessen, Elsass)[14] – verloren dadurch dauerhaft viele junge Männer und Familien.
Rolle deutscher Territorien: Die innerdeutschen Herrscher standen der Auswanderung ambivalent gegenüber. Teilweise verboten sie das Agieren von Auswanderungs-Agenten (z.B. erließ Württemberg um 1750 Ausreiseverbote), konnten aber kaum effektiv verhindern, dass Händler und Rekrutierer ihr Gebiet durchkreuzten[15]. Viele Fürsten profitierten allerdings wirtschaftlich vom Volkstod (sie behielten Abgaben, wenn Siedler abwanderten) und betrieben keine aktive Auswanderungspolitik. In Deutschland förderte erst das Bevölkerungswachstum in manchen Gebieten die Wanderungsbereitschaft. Lokale Agenten (wie Friedrich Heerbrand in Heilbronn) sammelten Zöglinge und lieferten sie den Schiffskapitänsagenturen[15][5]. Insgesamt war die Wanderung für die kleinstaatlichen Südwest- und Rheinlande damals eine „vernünftige Entscheidung“ (im Sinne von Kosten-Nutzen) für viele Familien[16][4].
Kulturelle Konsequenzen: Die deutschen Siedler hinterließen bleibende Spuren: Ihre Sprache (Pennsylvania-Deutsch) und ihre konfessionellen Gemeinschaften (vor allem lutherische, reformierte und täuferische Gemeinden) prägten das religiöse Leben der Kolonien. In Pennsylvania entstanden bereits im frühen 18. Jh. deutsche Kirchen und deutsche Schulen. Die Deutschstämmigen erwarben sich den Ruf fleißiger, sparsamer Bauern[17]. Sie ließen sich selten in kulturelle Anpassung drängen: Ihre Gemeinden gaben deutsche Zeitungen heraus – zwischen 1732 und 1800 erschienen mindestens 38 deutschsprachige Kolonialblätter[18] – und sie behielten lange ihr Brauchtum (zum Beispiel Backes und Feste). Gleichzeitig floss deutsches Wissen in die Kolonien: Technik wie der Bau der Pennsylvania Barns wurde von anderen Siedlergruppen übernommen[11]. Die weit über 300 Jahre währende Präsenz deutscher Sprache und Sitten in den Staaten – von Germantown über die Shenandoah-Valley-Farmen bis hin zu den Mitteleuropa beeinflussten Grafschaften New Yorks – geht direkt auf diese frühen Siedlerwellen zurück.
Push-Faktoren (Heimat)
- Demografische Landknappheit: In vielen Regionen (Südwestdeutschland, Hessen, Elsass usw.) gab es Realteilung. Die wachsende Bevölkerung führte zu „fortschreitender Besitzzersplitterung“ und Verkleinerung der Höfe[1]. Schon kleine Familien konnten kaum von wenigen Morgen leben.
- Wirtschaftliche Not: Hohe Lasten aus Frondiensten, Steuern und Abgaben drückten die Bauern und Tagelöhner[1]. Ernteausfälle – etwa nach dem extrem harten Winter 1708/09 – verschärften Hunger und Armut[2]. Viele Angehörige unfreier Schichten (Gesinde) sahen kaum Aufstiegschancen.
- Kriegsfolgen: Langwierige Kriege (etwa 1670–1710: Pfälzischer bzw. Spanischer Erbfolgekrieg) verwüsteten Dörfer, raubten Vieh und Männer. Kriegsanleihen belasteten die Untertanen. Die Sorge vor erneuter Einberufung (“Wehrpflicht”) mag zwar nicht für alle dominierten, verstärkte jedoch die Verzweiflung gerade unfreier Bauern. Deutsche Texte der Zeit nennen ausdrücklich die Zerstörungen, Hunger und Armut als Migrationsmotive[2].
- Soziale Unfreiheit: In starren Ständesystemen war die soziale Mobilität gering. Bauern waren an Hof und Gut des Grundherren gebunden. Die Aussicht auf ein Leben ohne Leibeigenschaft oder Frondienste (“Frei sein”) trieb viele zur Emigration. Dazu kam eine wachsende Kettenwanderung: Wenn erster Auswanderer in Amerika berichteten, dass seine Familie dort Land besitzt und frei ist, schickten Verwandte nach[4][3].
Pull-Faktoren (Kolonien)
- Landangebot: Die Kolonien lockten mit erheblichem Landbesitz. William Penns Propaganda versprach z.B. jedem Einwanderer 50 Morgen Land (plus weiteren Freiflächen für Nachkommen) und Steuerfreiheit für zehn Jahre[3]. Andere Kolonien vergaben über Headrights oder Maidländereien Grundstücke sehr günstig. Brachland war reichlich vorhanden, und die Siedler durften oft nach Ablaufen ihrer Dienstjahre uneingeschränkt Eigentum erwerben.
- Wirtschaftliche Chancen: In Amerika herrschte in vielen Gegenden Arbeitskräftemangel. Wer als Kolonist hart arbeitete, konnte mit Vieh- und Ackerbau Wohlstand erarbeiten. Frühester Immigrant Franz Pastorius berichtete von wuchernden Äckern und niedrigen Lebenshaltungskosten[3][12]. Deutsche Familien sendeten positive Briefe zurück, in denen sie die „Pennsylvanische Freiheit“ – also weitgehende Selbstversorgung ohne Fürsteneinmischung – rühmten.
- Religionsfreiheit: Kolonien wie Pennsylvanien waren ausdrücklich als Zufluchtsort für Verfolgte gegründet. William Penn (Quäker) gewährte Religionsfrieden – dies zog Mennoniten, Quäker, Pietisten und Lutheraner an, die in Europa oft diskriminiert wurden[2][19]. In der Bibeldruck-Branche und unter Missionaren kursierten Pamphlete über die „uneingeschränkte Übung ihrer Religion“ in Neuschottland und Pennsylvania[2][19].
- Anwerbung durch Agenten: Englische Kolonialverwaltungen und private Makler hatten Interesse an Arbeitskräften. Sie zahlten Heuer an Werber in deutschen Städten (z.B. Wirtshäuser, Handwerksleute, Entlassene) und veröffentlichten deutschsprachige Flugblätter. So lockte etwa Friedrich Heerbrand in Württemberg Hunderte von Ausreisewilligen mit bunten Versprechen nach Amerika[15][5]. Da viele deutsche Kleinstaaten klein waren, konnten Werber schnell über Grenzen flüchten, wenn Obrigkeiten einschreiten wollten[20].
- Ketten- und Familienmigration: Oft folgten Verwandte oder Nachbarn bereits ausgewanderter Personen. Diese Kettenwanderung erklärt, warum sich z.B. ganze Dörfer oder Großfamilien gemeinsam aufmachten[4][20]. Bekannte Kolonisten wie Pastorius oder Lutheraner an der Mosel dienten als Leuchtturm, der weitere Siedler anlockte. Diese persönlichen Netzwerke reduzierten Risiken und stärkten die Attraktivität der Überfahrt.
Migrationsrouten und Logistik
Deutsche Auswanderer nutzten verschiedene Routen: Ein Großteil fuhr auf Binnengewässern (Neckar, Rhein) zu Nordseehäfen (Rotterdam, Amsterdam)[5]. Von dort überquerten viele zunächst den Ärmelkanal nach England. Im Herbst 1709 kamen etwa 13.000 pfälzische Flüchtlinge in London an[2][13]. Da England die Flut von Armutseinwanderern kaum verkraften konnte, vermittelte man 1710 große Teile weiter: Knapp 3.000 Palatinen wurden nach New York gebracht, über 600 nach North Carolina (u.a. New Bern)[21]. Parallel segelten Schiffskonvois direkt von Europa nach Amerika – insbesondere nach Philadelphia, New York, aber auch nach Charleston (Südkarolina) und Annapolis (Maryland).
Die Überfahrt dauerte in der Regel zwei bis drei Monate. Die Schiffsbedingungen waren eng: Viel zu viele Passagiere drängten sich unter Deck. Krankheiten breiteten sich schnell aus; Berichte erwähnen Cholera- und Pockenfälle an Bord. Die Auswanderer zahlten oft keinen Schiffsfahrpreis, sondern verpflichteten sich vor Ort zur Arbeit (siehe „Redemptioner-System“[7]). Familien reisten zusammen, um gegenseitig Ausrüstung, Proviant und Geld aufzubringen. Viele stoppten auf dem Weg in England oder Holland, um dort auf weitere Schiffe umzusteigen. Insgesamt war die Auswanderung organisatorisch aufwendig: Englische Behörden beriefen eigens Kommissare ein, die Verpflegung und Verteilung der ankommenden Deutschen in Arbeitseinsätze und Siedlungen organisierten[22][7].
Zielregionen in Amerika
- Pennsylvania: Das mit Abstand größte deutsche Siedlungsgebiet. Philadelphia war Knotenpunkt für Immigration[6]. Bereits 1683 gründeten deutsche Mennoniten und Quäker (unter Pastorius) das Dorf Germantown[8]. Die meisten Deutschen im kolonialen Amerika siedelten im Hinterland von Philadelphia – teils in neuen Städten (z.B. Lancaster, York), überwiegend in ländlichen Bezirken. Nur wenige Jahrzehnte später zählte man hier zehntausende deutschsprachige Bauern. Pennsylvania bot nicht nur Land, sondern auch ein soziales Netz deutscher Kirchengemeinden (Lutheraner, Reformierte, Täufer) und später deutscher Schulen.
- New York: Ulster County und das Hudson-Tal erhielten ab 1710 viele Pfälzer. Diese wurden zunächst in Work-Populace (gelistete Arbeitskräfte) umgewandelt und später auf den Feldern verteilt. In New York City selbst gab es kleinere deutsche Gemeinden (oft reformierter Konfession). Staten Island und Gemeinden am Hudson boten Land für Siedler. Viele Pfalzdeutsche in New York blieben zunächst im Manhattangebiet, wanderten dann aber auch weiter nach New Jersey oder Pennsylvania.
- Carolina und Virginia: Etwa 1710 gründete Christoph von Graffenried die Stadt Neu-Bertram (New Bern) in North Carolina mit Schweizer und Pfälzer Familien (u.a. 850 Familien kamen nach New York, 100 nach South Carolina)[21]. In Virginia plazierte Gouverneur Spotswood 1714 etwa 100 Siedler am Fluß Rappahannock („Germanna“-Siedlung). Noch größere deutsche Gruppen kamen erst später (ab 1720er in Shenandoah Valley). Karoliner-Wälder wie in Neu-Bertram wurden nach deutschem Vorbild aufgeteilt.
- Maryland: Im Shenandoah Valley (spätes 17. Jh.) und später in westlichen Regionen siedelten sich einige deutsche Bauern an. Handelsstädte wie Annapolis hatten kleinere deutsche Gemeinden. Außerdem bot Maryland ähnlich wie Pennsylvania Religionsfreiheit an.
- Karibik: Nur wenige Deutsche wanderten in das tropische Kolonialgebiet aus. Zum Teil dienten Deutsche als Söldner oder Arbeiter auf Zuckerplantagen (z.B. einige Pfälzer Missionare in Surinam), doch im 17./18. Jh. spielte die Karibik für die deutsche Migration kaum eine Rolle.
Siedlungsweise und Berufe
Die meisten deutschen Immigranten waren Landwirte. Sie bearbeiteten ihre eigenen Höfe, verschönerten abgeholzte Flächen durch Brandrodung und bauten ausdauernd Ackerbau (Getreide, Viehzucht, Tabak in südlichen Kolonien). Viele Deutsche errichteten massive „Pennsylvania Barns“ – hohe, breitwandige Scheunen mit seitlichem Stallbereich – die später modellhaft für andere Farmerschaften wurden[11]. Handwerker (Schreiner, Schmiede, Weber) und Kaufleute unter den Siedlern gründeten oft eigene Unternehmen; im deutsch geprägten Germantown entstanden bald Druckereien und Tuchmühlen[23]. Die Berufsstruktur war über Generationen stabil: Deutsche galten als fleißige, sparsame Landwirte, die ihre Kinder in die Landwirtschaft einwiesen. In vielen Gemeinden blieb Ackerland über lange Zeit in wenigen Familien (im Gegensatz zu kurzfristig ziehenden englischen Siedlern)[11]. Eine frühe Besonderheit war die häufige gemeinsame Auswanderung ganzer Dörfer oder Verwandtschaftsverbände (Familienwanderung)[4].
Integration und Kontakte
Deutschsprachige Kolonisten behielten zunächst Abstand zu englischsprachigen Einheimischen, pflegten ihr eigenes Gemeindeleben, sprachen Deutsch und lernten Englisch meist nur langsam. Dennoch trugen sie durch Landwirtschaft und Gewerbe zum Kolonialleben bei. Konflikte mit anderen Kolonisten sind für den betrachteten Zeitraum selten erwähnt; im Gegenteil sorgten feste Verträge und gemeinsame Hilfeleistungen (etwa bei Ernte oder Kirchenbau) manchmal für Annäherung. Die Deutschen nahmen aktiv an der kolonialen Ökonomie teil, aber ihre starke religiöse Identität (z.B. Quäker, Lutheranertum, Täufertum) schuf eigene soziale Netzwerke. Kontakte mit den Ureinwohnern waren meist indirekt (Landkäufe oder Grenzkonflikte), konkretisieren sich aber erst in späteren Jahrzehnten (z.B. Schenkungsverträge im Shenandoah).
Rechtlicher Status und Grundbesitz
Die deutschen Einwanderer kamen als freie Untertanen britischer Kolonien und wurden den englischen Gesetzen gleichgestellt. Sie konnten Land erwerben (Root Deed, Warranty Deed) und erhielten in den meisten Kolonien Bürgerrechte. Häufig finanzierten sie die Überfahrt über Dienstverträge; nach deren Erfüllung besaßen sie dann selbst freien Landtitel. Das oft propagierte „Wahlrecht der freien Weißen Männer“ – das zur Kolonialzeit allerdings selten ausgeübt wurde – stand auch Deutschen prinzipiell zu. Ihre Ländereien erwarben sie meist nach englischem Vorbild als freie und dingfest stehende Besitztümer. In Pennsylvania gab es etwa keine Leibeigenschaft wie im Süden; der Siedler unterstand direkt der Provinzregierung. In dieser liberalen Rechtslage entwickelte sich ein stabiler Besitzstand, der vielfach im Familienbesitz blieb.
Demografische Zahlen
Die Gesamtzahl der deutschen Auswanderer ins koloniale Amerika ist nur grob abschätzbar. Neuere Forschungen gehen von etwa 100.000–110.000 Personen zwischen 1683 und 1776 aus[6][9]. 1709 allein verließen über 10.000 Pfälzer innerhalb eines Jahres ihre Heimatregion[2]. Da im 18. Jh. jährlich mehrere tausend Auswanderer notiert sind, summiert sich die Gesamtmigration. Für die frühe Phase (bis 1730) dürfte die Zahl einiger zehntausend betragen sein (exakte Daten fehlen); sie stieg im Laufe des Jahrhunderts weiter an. Unsicherheit herrscht vor allem bei den kleineren Gemeinden (Maryland, Carolinas) und bei Rückwanderern. Aber schon vor 1730 hatte Pennsylvania eine nennenswerte deutschsprachige Bevölkerung, die bald die Gründerväter im Umfang übertraf[6][9].
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Push-Faktoren (Heimat) |
Pull-Faktoren (Ziel) |
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Landmangel durch Besitzzersplitterung und Bevölkerungsdruck[1] |
Großzügige Landzuteilungen und günstige Grundstückspreise[3] |
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Hunger und Armut nach Missernten[2] |
Geringe Lebenshaltungskosten und Landreichtum in Kolonien |
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Hohe Steuern, Frondienste und staatliche Belastungen[1] |
Steuerfreiheit oder -vergünstigungen (z.B. 10 Jahre keine Steuern)[3] |
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Kriegsverwüstungen und Militärpflicht[2] |
Stabile politische Verhältnisse und schnelle soziale Mobilität |
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Religionskonflikte (Verfolgung von Täufern, Pietisten etc.)[2] |
Religiöse Toleranz (z.B. Quäkerrepublik Pennsylvania)[2][19] |
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Zunahme der Armut durch fehlende Erbenregulierung |
Rekrutierung durch Kolonialagenten (Werbeflieger, Briefe)[2][20] |
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Verlust der landwirtschaftlichen Existenz (Wald-, Jagdbeschränkungen)[1] |
Familien- und Kettenmigration – Vertraute Netzwerke, Briefverkehr[4][20] |
Timeline
Wichtige Ereignisse (1680–1730)
1681 : William Penn erhält die Landzusage für Pennsylvania (Stuart-König Karl II.)
1683 : Franz D. Pastorius und Quäker gründen Germantown (erste deutsche Siedlung)
1708 : Harter Winter in Europa führt zu Missernten und Hunger (besonders in der Pfalz)
1709 : Massenauswanderung der Pfälzer nach Großbritannien (ca. 11.000 Ankömmlinge)
1710 : Verschiffung der Pfälzer in die Kolonien: etwa 3000 nach New York, 650 nach Carolina
1714 : Ende des Spanischen Erbfolgekriegs (Waffenstillstand zu Utrecht)
Für weiterführende Karten und Grafiken siehe z.B. [Siehe Karte Ost-Pennsylvanien um 1700][10] (Landesgeschichte Pennsylvania) oder zeitgenössische Siedlungskarten.
Quellen: Überblicksdarstellungen und Zeitdokumente zur Auswanderung (z.B. Denis de Rougemont/Marianne S. Wokeck, The Refugee, sowie regionalgeschichtliche Artikel) liefern Zahlen und Analysen[6][9]. Viele Erkenntnisse stammen aus deutschen Publikationen über Auswanderung und den Kolonialberichten (zitiert oben). Spezifisch zu den Pfälzer Exilanten 1709–1710 liegen zeitgenössische Berichte vor[2], ebenso Analysen in neuen Monographien. (Die genauen Quellenangaben und weiterführende Literatur sind im Text vermerkt.)
[1] [4] [6] [7] [14] [16] [20] Deutsche Auswanderung in das koloniale Nordamerika \(unter besonderer Berücksichtigung der Territorien, die später an Bayer...
https://www.hdbg.de/auswanderung/docs/haeberlein.pdf
[2] Daniel Defoe, Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge (1709) | German History Intersections
https://germanhistory-intersections.org/de/migration/ghis:document-36
[3] [5] [15] 16194_Quellenbeilage_22
https://www.landesarchiv-bw.de/media/full/47574
[8] [9] [12] [19] Pennsylvania: Zentrum der deutschen Einwanderung zur Kolonialzeit - regionalgeschichte.net
[10] [11] [17] [18] [23] Siedlungsweise und ethnischer Zusammenhalt im 17. und 18. Jahrhundert - regionalgeschichte.net
https://www.regionalgeschichte.net/index.php?id=9173
[13] [21] [22] Massenauswanderung der Pfälzer (1709) – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Massenauswanderung_der_Pfälzer_(1709)
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